Zoll-Müdigkeit? Warum der Markt auf die Realwirtschaft setzt statt auf Handelskriege
Anleger verlagern ihren Fokus vom Gerichtssaal auf die Kasse. Während der juristische Streit um US-Zölle aus der Trump-Ära eskaliert, wettet der Markt darauf, dass eine widerstandsfähige Wirtschaft die Hauptarbeit für Ihr Depot leisten wird.
Was passiert ist
Lange Zeit reagierte die Börse auf Nachrichten zum Thema Handel wie ein scheues Reh auf ein Gewitter. Jede Erwähnung von Strafzöllen schickte Indizes wie den DAX oder den S&P 500 auf Talfahrt. Doch in letzter Zeit haben sich Investoren ein dickeres Fell zugelegt. Es herrscht wachsender Optimismus, dass der US Supreme Court die aggressiven Zollvorgaben, die unter der Trump-Administration begannen, stutzen könnte.
Doch die eigentliche Geschichte spielt sich nicht nur in Roben und Schriftsätzen ab. Während die Mühlen der Justiz langsam mahlen, bewegt sich die Realwirtschaft mit hohem Tempo. Investoren starren nicht mehr gebannt auf jeden Prozentpunkt einer potenziellen Importsteuer. Stattdessen blicken sie auf BIP-Wachstumsraten von 2,5 % bis 3 % und fragen sich, ob der Konsum den Motor am Laufen halten kann – völlig ungeachtet dessen, was an den Grenzen passiert.
Wie ein leitender Marktanalyst feststellte: „Der Markt hat das geopolitische Rauschen weitgehend eingepreist. Was er noch nicht voll verdaut hat, ist die schiere Widerstandsfähigkeit des Dienstleistungssektors.“ Dieser Wandel stellt für viele institutionelle Akteure einen psychologischen Schwenk von der „Verteidigung“ zum „Angriff“ dar, ähnlich wie ein Wechsel von defensiven Versorgern hin zu Wachstumswerten.
Das Zahlenspiel
Um zu verstehen, warum sich die Stimmung gedreht hat, müssen wir auf die Daten schauen. Trotz der Schlagzeilen über „Handelskriege“ verzeichnete die US-Wirtschaft zuletzt eine robuste jährliche Wachstumsrate von 3,3 % im letzten Quartal – weit über den düsteren Rezessionsprognosen.
Zudem verschiebt sich der Fokus weg von den rund 350 Milliarden Dollar (ca. 320 Mrd. Euro) an jährlichem Handelsvolumen, das von diesen Streitigkeiten betroffen ist. Das klingt zwar nach einer gewaltigen Summe – und das ist es auch –, aber es macht heute einen kleineren Teil der US-Gesamtwirtschaft aus als noch vor fünf Jahren. Anleger wetten darauf, dass die Wirtschaft mittlerweile groß und diversifiziert genug ist, um den Schlag zu absorbieren, selbst wenn die Zölle bestehen bleiben. Für deutsche Anleger, die Stabilität schätzen, ist dies ein Signal, dass fundamentale Unternehmensdaten wieder wichtiger werden als politische Schlagzeilen.
Quick Take
- Juristische Hängepartie: Die Märkte setzen verstärkt darauf, dass das oberste Gericht die Befugnisse der Exekutive zur einseitigen Verhängung von Zöllen einschränken wird.
- Wachstum ist Trumpf: Da das BIP-Wachstum überraschend stark bleibt, ist das „Gespenst der Rezession“ vorerst vertrieben.
- Konsumkraft: Die persönlichen Ausgaben stiegen zuletzt um 0,7 %. Das zeigt, dass die Verbraucher trotz Handelsspannungen bereit sind, Geld auszugeben.
- Wendepunkt: Das Narrativ wandelt sich von „Wie sehr schaden Zölle?“ zu „Wie stark kann die Wirtschaft aus eigener Kraft wachsen?“
Warum es wichtig ist
Warum sollte es Sie interessieren, ob ein Richter in Washington über eine Steuer auf importierten Stahl entscheidet? Weil es bestimmt, wohin das „Smart Money“ fließt. Wenn die Gefahr eines Handelskrieges neutralisiert wird, fließt Kapital aus „sicheren Häfen“ wie Gold zurück in wachstumsorientierte Sektoren wie Tech und Industrie – davon könnten auch exportstarke deutsche Schwergewichte wie Siemens oder BMW profitieren.
Wenn die Wirtschaft die „Lücke füllt“, bedeutet das für Ihre Altersvorsorge oder Ihr Depot, dass es weniger von einem Tweet oder einem Gerichtsurteil abhängt und mehr von tatsächlichen Unternehmensgewinnen. Wenn Konzerne ihre Margen trotz Handelsbarrieren halten können, beweisen sie Effizienz und Resilienz – zwei Eigenschaften, die jeder deutsche Anleger liebt.
Zudem könnte eine Abkehr von der Zollpolitik wie ein natürlicher Inflationsbremse wirken. Sinken die Kosten für importierte Waren, erhält die Notenbank (Fed) mehr Spielraum für die ersehnten Zinssenkungen, auf die auch die EZB in Frankfurt schielt.
Fazit
Die Märkte sind des Dramas um Handelskriege müde und bereit, endlich wieder die nackten Wirtschaftsdaten sprechen zu lassen.